Donnerstag, 11. Oktober 2018

Stadtrundgang II


Der verbrannte Traum“ wird wiederholt:
Stadtrundgang durch das jüdische Baden-Baden

Die Erfolgsgeschichte geht weiter: Nachdem der Stadtspaziergang mit Angelika Schindler und Josua Straß zu verschiedenen Stolpersteinen in Baden-Baden so großen Zuspruch gefunden hatte, wird nächste Woche der Wunsch nach einer Wiederholung erhört! Und war der Spaziergang im Sommer Teil der Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“ des Bündnisses Baden-Baden ist bunt, so wird die Herbstveranstaltung am kommenden Dienstag, 16. Oktober, Teil der jüdischen Kulturtage sein. Die Einführung findet um 18 Uhr im Gartensaal der Stadtbibliothek statt, ein Rundgang durch die Innenstadt schließt sich an. Er beginnt um 19.30 Uhr vor dem Anwesen am Sonnenplatz 1. Der Eintritt ist frei.




Bericht über den Sommer-Spaziergang => KLICK

Die brennende Synagoge 1938 sollte das Ende eines Traums von Weltoffenheit werden, den Juden und Nichtjuden im internationalen Kurort Baden-Baden geträumt hatten. Bereits im 
19. Jahrhundert waren jüdische Gäste im Weltbad zahlreich vertreten, jüdische Bürger hingegen durften sich erst seit 1862 ansiedeln. Sie waren bald integriert und weihten 1899 ihre Synagoge ein, die im „kernig deutschen Stil“ erbaut worden war, wie die lokale Presse wohlwollend konstatierte.

Auch nach 1933 fühlten sie sich relativ sicher, denn die Nationalsozialisten verfolgten im internationalen Kurort zunächst einen anderen Kurs und sahen von den üblichen Repressalien ab. Der Badeort sollte als „Visitenkarte“ des Deutschen Reichs der Weltöffentlichkeit das neue Deutschland von seiner besten Seite zeigen. Diese Politik nährte bei jüdischen Bürgern und Gästen die Hoffnung, hier eine Nische gefunden zu haben. Ein gefährlicher Traum, der spätestens mit dem Novemberpogrom am 10.11.1938 sein Ende fand.

Nach einer kurzen Einführung im Ratssaal stellt die Historikerin und ARTE Redakteurin Angelika Schindler zusammen mit Buchhändler Josua Straß sieben Lebensgeschichten vor, die exemplarisch für das Schicksal der Baden-Badener Juden stehen. Dazu nehmen sie die Besucher mit auf einen Rundgang durch die Innenstadt zu ihren Wirkungsstätten.
Bei diesem Stadtspaziergang, der zugleich die Geschichte der jüdischen Gemeinde bis 1945 erzählt, kommen die porträtierten Personen mit Auszügen aus ihren Tagebüchern und Briefen zu Wort. Zahlreiche Photos ergänzen den Rundgang. Der Abschluss widmet sich dem Leben nach dem Überleben und stellt die Frage nach der zweiten und dritten Generation.

Die Jüdischen Kulturtage der Israelitischen Kultusgemeinde Baden-Baden stehen unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeisterin Margret Mergen und von Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch der beteiligten Städte Baden-Baden und Rastatt. 




 

Donnerstag, 27. September 2018

Jüdisches Leben


Viele Fragen - viele Anworten
... und manchmal wird es kompliziert

Auf eine wunderbare offene und breite Resonanz stieß während der interkulturellen Woche das Angebot der israelitischen Kultusgemeinde in Baden-Baden, das heutige Leben der Juden in der Stadt, ihre Religion und ihren Alltag kennenzulernen. 

 
Das Bündnis „Baden-Baden ist bunt“ gab im Rahmen der stadtweiten Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“ den Anstoß, und die Kultusgemeinde griff die Idee sofort begeistert auf. Rabbiner Daniel Naftoli Surovtsev und seine umtriebige Büroleiterin Irina Grinberg machten sich umgehend an die Vorbereitungen, und man stieß überall in der Stadt auf offene Türen: Die Philharmonie ermöglichte mit dem „Trio Brahms Plus“ einen wunderbaren musikalischen Rahmen des Abends, 




das Kurhaus genehmigte das Aufstellen einer Laubhütte mitten in den Kolonnaden (zum ersten Mal!), und Oberbürgermeisterin Margret Mergen sagte spontan zu, ein Grußwort zu sprechen – in dem sie unumwunden zugab, dass auch sie recht wenig über das Judentum wusste – obwohl es doch bis auf die grausame Nazizeit immer zu Baden-Baden gehörte und gehört. Auch wenn sie den meisten Besuchern der abendlichen Informationsveranstaltung doch einiges voraus hatte, denn im Geschäftsleben wird und wurde sie bereits häufiger mit speziellen kulturellen Fragen dieser Art konfrontiert.




Der Tag war in zwei Teile gegliedert: Ab 17 Uhr lockte das Laubhüttenfest zum Erntedank mit einem großen Zelt mit Laubdach vor dem Kurhaus zahlreiche Besucher an. Es gab koscheres Essen und Getränke, mitreißende Gesangseinlagen und ebensolche Tänze. 








Rabbiner Surovtsev erklärte geduldig, was es mit den traditionellen Laubhüttengaben Zitronatzitrone (Etrog), Dattelpalmzweig, Weidenzweig und Myrrhe auf sich hatte.




Ab 19 Uhr verlagerte sich das Geschehen in den Gemeindesaal, wo Rabbiner Surovtsev und Religionslehrer Markus Sternecker unter Gesprächsleitung von Stefan Lutz-Bachmann geschlagene zwei Stunden Rede und Antwort standen, so interessiert und wissensdurstig zeigte sich das zahlreich erschienene Publikum. 

Das lernte einiges, was man sich so nie hätte vorstellen können: Dass Milch- und Fleischprodukte so streng voneinander getrennt werden müssen, dass ein Teller, auf dem aus Versehen beides landet, nur noch für den Polterabend oder als Geschenk für Nachbarn anderer Religion taugt. Dass man am Sabbat nichts tragen darf, weder Geld noch Fahrkarten, ja noch nicht mal sein eigenes Baby – zumindest nicht im öffentlichen Raum. Dass es durchaus auch eine „geile Sache“ sein kann, wenigstens an einem Tag in der Woche mal – gezwungenermaßen – das Handy ausgeschaltet zu lassen (bis auf seelsorgerische Notfälle). Dass Wein in dem Moment koscher wird, in dem ein Rabbiner ihn herstellt (und hier zeigte sich Rabbiner Surovtsev ein Herz für Weinliebhaber, hat er doch in einem Weingut im Murgtal geholfen und somit ganz offiziell nun für koscheren Wein in der Gemeinde gesorgt (der übrigens sehr trinkbar ist!). 

Auch für gastfreundliche Nicht-Juden hatte er einen Tipp, falls sie Schwierigkeiten haben, koscheres Essen zu servieren (welches die Gemeindeglieder mit einiger Übung – es gibt sogar spezielle Führungen für sie – in einem Supermarkt in Baden-Baden, aber auch in Straßburg finden): Mit Kaffee, Obst und Nüssen liegen Sie immer richtig! Wenn allerdings gekocht wird, dann wird es schwierig. Das, so ergänzte Markus Sternecker daraufhin, übernähmen daher gerne und lieber die Gemeindemitglieder selbst.



636 Gemeindeglieder zählt man derzeit in Baden-Baden, wobei ungefähr ein Drittel aus Rastatt kommt. Nicht alle übrigens sind so orthodox wie ihr Rabbiner, doch der trägt das mit Fassung. Manches müsse er nicht wissen, meinte er und lachte herzlich. Überhaupt war wohl das Fazit des Abends: Dass das Judentum gerne informiert, aber nicht missioniert. Das sei nicht ihr Anliegen, hieß es. Gott wolle nun mal die Vielfalt. - Nun, und davon gibt es reichlich in unserer bunten Stadt!

Hier geht es zur Webseite der israelitischen Kultusgemeinde Baden-Baden =>  KLICK




Montag, 24. September 2018

Rosie Dasch


Schrecklich und einprägsam:
Das Konzert von Rosie Dasch

Das Thema der Ermordung von Juden im Dritten Reich ist immer schrecklich. Aber noch viel schrecklicher ist es, Berichte aus einem Ghetto zu hören, Lieder zu hören, die diese Menschen in ihrem Elend, den sicheren Tod vor Augen, noch komponiert und gesungen und gespielt haben. Zu erfahren, wie diese Menschen zusammengetrieben wurden, weggesperrt, wie ihnen nicht erlaubt wurde, nach einem harten Arbeitstag außerhalb des Lagers Lebensmittel hineinzuschmuggeln, wie sie Tag für Tag erlebten, wie Nachbarn, Freunde, Verwandte abgeholt wurden und nie wiederkamen. 

Oder gar – ganz unvergesslich brennt sich das ein – zu hören, wie eine Frau und Mutter eindrücklich beschreibt, wie sie und ihre Töchter zur Erschießung geführt werden, die Töchter sterben und auch sie getroffen wird, aber irgendwann nachts im Massengrab in einem Blutbad aufwacht, verwundet, wie sie sich zu einem nahegelegenen Bauernhof schleppt - und wieder zurück ins Ghetto kommt, und es diesmal nicht überlebt.




Beklemmende Augenblicke waren dies. Unter dem Motto „Es iz geven a zumertog – es war an einem Sommertag“ zeichneten Roswitha Dasch und Ulrich Raue aus Wuppertal am Sonntag in der Lutherkirche in Lichtental die Geschichte des Wilnaer Ghettos im Spiegel seiner Lieder nach, und zwar exakt am 23. September, dem 75. Jahrestag der endgültigen „Räumung“ des Ghettos.


Enttäuschend wenig Zuhörer waren gekommen, aber sie erlebten einen ganz besonderen Abend, den sie so schnell nicht vergessen werden. Mit den nüchternen Texten und einem unter die Haut gehenden 13teiligen Liederzyklus ließen Dasch und Raue jene Zeit wieder auferstehen und gaben auf eindringliche Weise tausenden Ermordeten eine Stimme.


Auf Initiative von Gisela Erbslöh, die auch die einführenden Worte sprach, war es im Rahmen der interkulturellen Wochen Baden-Baden gelungen, die beiden Musiker nach Baden-Baden zu holen. Ihr Konzert war auf Einladung von Pfarrer Thomas Weiß von der evangelischen Luthergemeinde in Kooperation mit der Evangelischen Erwachsenenbildung und in Verbindung mit der Aktion „Baden-Baden schreibt und liest ein Buch“ zustande gekommen. 


 

Rosie Dasch hat sich seit Beginn der 1990er Jahre der Geschichte des Wilnaer Ghettos verschrieben, eine Lebensaufgabe, wie sie sagt. Sie hat Überlebende in Litauen aufgesucht, ihre Geschichten zusammengetragen, sich die Lieder vorsingen lassen, alles dokumentiert, eine Ausstellung aufgebaut, einen Film gedreht und ein Hilfswerk gegründet, das Spenden sammelt, um ehemalige Ghetto- und KZ-Häftlinge zu unterstützen, deren Not in Litauen auch heute noch groß ist.

Allein schon, um hierfür Spenden zu sammeln, hätte man sich für diese Veranstaltung einen größeren Rahmen und breitere öffentliche Aufmerksamkeit gewünscht.  

Und hier der Link zu Roswitha Daschs Webseite, und zwar direkt zu ihrem gemeinnützigen Verein mit Spendennummer => KLICK
 



Hier der Link zum Wikipedia-Eintrag über das Ghetto in Wilna =>

Laut Wikipedia war das Ghetto Vilnius, damals Ghetto Wilna, ein nationalsozialistisches Ghetto in der Altstadt der litauischen Hauptstadt Vilnius (deutsch Wilna), in das die deutschen Besatzer die jüdische Bevölkerung sperrten. Das Ghetto bestand aus zwei Teilen, dem Großen und dem Kleinen Ghetto, die voneinander durch eine Straße getrennt waren. 1931 betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Vilnius, das als das Jerusalem des Ostens galt, 28 Prozent bzw. 55.000 Personen. Die meisten von ihnen wurden ermordet, zum großen Teil im nahe Vilnius gelegenen Ponar, heute ein Vorort der Stadt.






Samstag, 22. September 2018

Über das Judentum


Was Sie schon immer über
jüdisches Leben wissen wollten...

Musik, Tanz, Essen, Trinken, Fragen, Antworten

Im Rahmen der Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“ beschäftigen sich in diesem Jahr viele Menschen mit dem Buch „Ertrinken“ von Gerhard Durlacher, der Kindheit eines jüdischen Jungen in Baden-Baden während des Dritten Reichs. Immer wieder werden in dem Buch auch Riten und Gebräuche des Judentums beschrieben.

1933 lebten in Baden-Baden 310 Menschen jüdischen Glaubens, am 1. Januar 1945 waren es noch 20. Heute ist, vor allem nach dem Zuzug jüdischer Migranten aus den ehemaligen GUS-Ländern, die israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden/Bühl/Rastatt wieder auf mehr als 650 Mitglieder angewachsen. 

Foto: Pixabay
 

Und so ist es an der Zeit, dass wir uns näher kennenlernen sollten, denn nur so können Vorurteile verhindert und eventuell bestehende Vorbehalte abgebaut werden.

Die israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden öffnet sich deshalb während der interkulturellen Woche in besonderer Weise.
Da während dieser Woche auch das jüdische Erntedankfest, das „Laubhüttenfest“, gefeiert wird, wird am Mittwoch, 26. September, nachmittags ab 17 Uhr in den Kurhauskolonnaden eine symbolische Laubhütte errichtet, es werden gegen einen geringen Unkostenbeitrag Proben koscheren Essens und Trinkens angeboten, begleitet von jüdischer Musik und Tanzdarbietungen.

Am Abend ab 19.30 Uhr ist ein Informationsabend über das jüdische Gemeindeleben in Baden-Baden heute und über den jüdischen Alltag geplant.

Rabbiner Daniel Naftoli Surovtsev wird hierbei einen Einblick in das Leben der Jüdischen Gemeinde in Baden-Baden von heute geben, Markus Sternecker, Lehrer für jüdische Religion am Richard-Wagner-Gymnasium, steht danach zusammen mit dem Rabbiner für alle Fragen zum „jüdischen Alltag“ zur Verfügung. Kaum jemand weiß zum Beispiel, was koscheres Essen ist, und was man servieren könnte, wenn man jüdische Gäste zu sich nach Hause einlädt.

Es soll ein entspannter, fröhlicher Abend werden.

Das „Trio Brahms plus“ der Philharmonie Baden-Baden mit Annette Konrad, Thomas Lukovich und Angela Yoffe wird den Abend musikalisch umrahmen.

Der Eintritt für den Abend ist frei. Spenden gehen an die neu errichtete Kinderspielgruppe der IKG.

=> 17 bis 19 Uhr Laubhüttenfest - in den Kurhauskolonnaden.
=> ab 19.30 Uhr (Einlass ab 19 Uhr) Jüdischer Info-Abend - Jüdisches Gemeindezentrum, Sophienstraße 2, Baden-Baden (Gebäude der Deutschen Bank, Nebeneingang neben der Parkgarage)
Bitte beachten Sie: Der Zugang zur Abendveranstaltung im Saal des Gemeindezentrums ist leider nicht barrierefrei.

Keine Reservierungen, kommen Sie bitte rechtzeitig.

Veranstalter/-in:
Israelitische Kultusgemeinde Baden-Baden, gemeinsam mit dem Bündnis „Baden-Baden ist bunt".  


 


Freitag, 21. September 2018

Steinbach und Felix


Beeindruckender Vortragsabend
zum Thema Heimat und Exil




Erheblich mehr Teilnehmer als erwartet kamen gestern zum Vortragsabend von Dr. Peter Steinbach zum Thema Exil und Beheimatung, die Aula der Vincentischule wurde schnell gut gefüllt. Im Rahmen der Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“ war Steinbach der Einladung von Volkshochschule und Bündnis „Baden-Baden ist bunt“ gefolgt, und riss das Publikum mit einem packenden Vortrag hin. Wie fühlt man sich im Exil? Was gibt man auf, wo geht man hin, was ist Heimat? Viele Fragen, die Steinbach anhand von Literaturzitaten erörterte. 


 

Neben Grußworten von Werner Schmall (Vincenti-Schule), Monika Burck (Volkshochschule) und Hanna Panther (Integrationsbeauftragte der Stadt) beeindruckte vor allem auch der Auftritt des 13jährigen Felix Vogt mit seiner Rollenbiografie zu Oberlehrer Kreis. 
 



Kreis spielt in Gerhard Durlachers Buch „Ertrinken“ eine Rolle, denn er war derjenige, der den kleinen Gerhard am Einschulungstag wieder heimschickte, weil er als jüdisches Kind nicht auf Klassenfoto kommen sollte, aber andererseits erlaubte er seinem Schüler auch zivilen Ungehorsam, nämlich den Hitlergruß nicht mitzumachen. Was ging in dem Kopf des Lehrers wohl vor? Felix Vogt versuchte eine Interpretation, die das Publikum und auch den Hauptredner des Abends begeisterte.





grünes Wohnzimmer


Im grünen Wohnzimmer bekamen
jüdische Jugendliche eine Stimme

Manchmal sind es die kleinen Dinge des Lebens, die besonders nachhallen. Diesen Eindruck nahmen die recht wenigen Zuhörer/innen mit, die sich am Mittwoch in Luthers Grünem Salon im Lutherhaus in Lichtental einfanden, und sich in die Erinnerungen jüdischer Kinder während der Verfolgung im Dritten Reich entführen ließen. Ein schweres Thema, für das man nicht jeden Tag in Stimmung sein kann. Entsprechend wurde aus dem großen Salon eher eine kleine, aber feine Wohnzimmerlesung. 

Foto:privat
 


Dank des Buches „Ertrinken“ von Gerhard Durlacher und der Initiative „Baden-Baden liest ein Buch“ erhielten die Erfahrungen jüdischer Kinder in der Verfolgung neue Aufmerksamkeit - ihr Leiden am alltäglichen Rassismus, ihre Hilflosigkeit, ihr Ausgeliefert-Sein. 

Anne Frank mit ihrem weltberühmten Tagebuch und die nur 15jährige Selma Meerbaum-Eisinger mit ihren zarten Gedichten standen für dieses Erinnern von Kindern und Jugendlichen in der Zeit des Nationalsozialismus. In Luthers „Grünem Salon“ bekamen sie durch Pfarrer Thomas Weiß und Märchenerzählerin Eva Egloff eine Stimme. Eine eindrucksvolle, schöne, runde Veranstaltung.



Dienstag, 18. September 2018

Unter Sternen


Außergewöhnliches Konzert
in der Lutherkirche in Lichtental




"Es iz geven a zumertog - Es war an einem Sommertag"

Unter dieser Überschrift gibt es im Rahmen der Aktion "Baden-Baden liest ein Buch" am Sonntag, 23. September, um 18 Uhr in der Lutherkirche in Lichtental ein ganz außergewöhnliches Konzert "Unter Sternen", nämlich über die Geschichte des Wilnaer Ghettos im Spiegel seiner Lieder.

Aus umfangreichen Recherchen in Litauen und einer Vielzahl persönlicher Gespräche mit Zeitzeugen entwickelte Roswitha Dasch ein
außergewöhnliches Konzertprogramm zur Geschichte des Wilnaer Ghettos.



Die Text-Musik-Collage „Es iz geven a zumertog“ beschreibt anhand von Überlebensberichten, wichtigen historischen Ereignissen und vor allem durch jiddische Lieder die Lebenssituation der jüdischen Bevölkerung im Wilnaer Ghetto auf ganz besondere Weise.
 
Roswitha Dasch und Ulrich Raue lassen Musik erklingen, die den
Menschen im Ghetto trotz aller Trauer und Verzweiflung immer wieder Mut und Hoffnung gegeben hat.
 
Im Rahmen der Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“ schlägt das Konzert in der Lichtentaler Lutherkirche einen Bogen von der westjüdischen zur ostjüdischen Kultur. 



In Gerhard Durlachers „Ertrinken“ geht es um die bitteren Erfahrungen eines deutschjüdischen Kindes in Baden-Baden. Vierzehn Jahre älter als Durlacher war David Goetzel, ebenfalls in Baden-Baden geboren und aufgewachsen, aber mit ostjüdischem Hintergrund. Seine Familie war aus Ostpolen nach Baden-Baden gekommen. Goetzel wurde 1940 im Warschauer Ghetto interniert. Ihm gelang die Flucht, seine Schwestern aber wurden ermordet. Auch ihr Schicksal und ihre Kultur spiegeln sich in den Geschichten und Liedern dieses Konzerts.

Mit:
Roswitha Dasch, Violine, Gesang und Rezitation, Wuppertal
Ulrich Raue, Klavier und Rezitation, Hannover
Gisela Erbslöh, Einführung, Baden-Baden

Ort:
Evang. Lutherkirche, Hauptstr. 51, 76534 Baden-Baden/Lichtental

Zeit:
Sonntag, 23. September 2018, 18 Uhr

Kosten:
Eintritt frei, um eine Spende am Ausgang wird gebeten

Veranstalter*in:
Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Kooperation mit Evang. Luthergemeinde Baden-Baden (07221-97980) – im Rahmen von „Baden-Baden liest ein Buch“



Donnerstag, 13. September 2018

Steinbach


Exil - kann das jemals eine neue Heimat sein?
Vortrag über Vertreibung, Entheimatung, Erinnerung

Was bedeutet es zu fliehen? Ankommen - was ist das? Kann „ankommen“ überhaupt möglich sein? Flucht und dann ein Leben im Exil bedeuten immer einen gewaltiger Umbruch im Leben. Und die „Aufnahme-Gesellschaften“ reagieren oftmals nicht erfreut, sondern in der Regel ablehnend, und verstärken dadurch die Not der Emigranten. Diese haben schon genug mit anderen Dingen zu kämpfen, sie können die Sprache des Aufnahmelandes nur schlecht und werden als fremd empfunden und misstrauisch beäugt, weil sie vielleicht anderen Menschen den Arbeitsplatz wegnehmen könnten. Themen, die nicht erst seit heute aktuell sind.

Es sind Erkenntnisse, wie sie der Historiker Prof. Dr. Peter Steinbach in langen Jahren Forschungsarbeit gewonnen hat. Das Bündnis „Baden-Baden ist ist bunt“, der Arbeitskreis „Stolpersteine“ und die Volkshochschule haben den Wissenschaftler deshalb eingeladen, im Rahmen der Aktion „Baden-Baden liest ein Buch, Gerhard Durlacher: Ertrinken“ einen Vortrag zu halten.

Grußworte werden die Leiterin der Volkshochschule, Monika Burck, und die Integrationsbeauftragte der Stadt, Hanna Panther, sprechen.

Exil – eine neue Heimat? Vertreibung, Beheimatung, Erinnerung“ so heißt der Titel seines Vortrag, den er am 

Donnerstag, 20. September, um 19 Uhr in der Aula der Vincenti-Grundschule 

halten wird. Der Ort wurde bewusst ausgewählt, denn in der Vincenti-Schule hatte Gerhard L. Durlacher seine ersten Schuljahre verbracht und dieser Zeit in seinem Buch "Ertrinken" einige Passagen gewidmet. So erinnert er sich beispielsweise an den ersten Schultag, als ein gewisser Oberlehrer Kreis ihn als jüdisches Kind von den anderen Kindern separieren wollte - oder musste.


Eine Szene, die übrigens bis heute nachwirkt, denn im Zuge der Aktion "Baden-Baden liest ein Buch" hat sich auch die Klasse 8b des Gymnasiums Hohenbaden mit dem Thema beschäftigt. Es wurden Rollenbiografien angefertigt, und einer der Schüler, der 13jährige Felix Vogt, schlüpfte dabei sehr überzeugend und einfühlsam in die Figur des Oberlehrers Kreis. Was dachte dieser Mann? Warum handelte er so? Warum konnte er nicht anders entscheiden? Felix wird im Rahmen des Vortragsabends seine Überlegungen dazu vorstellen.

 

Anschließend wird der Referent des Abends, Prof. Steinbach, die Geschichte des Exils mit einer Betrachtung von Exil-Literatur verbinden, vor allem aber auch die Umstände der erhofften und verweigerten Beheimatung aufgreifen. Dabei wird es auch um Gerhard L. Durlacher und seine literarisch manifestierte Zeitzeugenschaft gehen. 

Mit den Romanen "Exil" von Lion Feuchtwanger, im "Wendepunkt" von Klaus Mann, in "Transit" von Anna Seghers und in den "Flüchtlingsgeschichten" von Brecht können wir die Herausforderungen des Lebens im Exil begreifen lernen. Exil und Flucht bedeuten Enthausung und Entheimatung. Die Aufnahmegesellschaften reagierten in der Regel ablehnend und verstärkten die Not des Emigranten.

Der durchschnittliche Emigrant hatte - anders als Thomas Mann und Feuchtwanger - keine große Berufserfahrung, beherrschte die Sprache seiner Zufluchtsländer schlecht, wurde als fremd und als Konkurrent auf dem Arbeitsmarkt empfunden. Hinter ihm lagen Gefahren und Enttäuschungen, die erklären, weshalb nur wenige Flüchtlinge Vertrauen zu Mitmenschen, Staaten und Institutionen fassen konnten und seelisch gezeichnet blieben.

In diesem Zusammenhang wird Steinbach auch auf Anna Gmeyners Roman "Manya" eingehen (Aufbau-Verlag), den manches mit Durlachers "Ertrinken" verbindet.


Foto: U. Bandl

Zur Person:
Prof. Dr. phil. habil. Peter Steinbach (Jahrgang 1948) studierte Geschichte, Politikwissenschaft, Pädagogik und Philosophie. 1978 erfolgte die Doppelhabilitation in Neuerer und Neuester Geschichte und Politikwissenschaft. Er lehrte an der Universität Passau, der Freien Universität Berlin, der Universität Karlsruhe und Mannheim. 2013 emeritierte er. Weiterhin ist er seit 1983 Wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, seit 2001 Vorsitzender des Internationalen Beirats der Topographie des Terrors und war 2004 bis 2008 kommissarisch auch Wissenschaftlicher Direktor der Topographie des Terrors.

Donnerstag, 20. September, 19 Uhr, Aula der Vincentischule 

Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Eine Kooperation des "Bündnisses Baden-Baden ist bunt" und dem Arbeitskreis Stolpersteine mit der Volkshochschule Baden-Baden und der Vincenti-Schule. 
Bitte beachten Sie: Der Zugang zur Aula im zweiten Stock der Schule ist leider nicht barrierefrei. 

Die Veranstaltung kam auf Inititiave des ehrenamtlichen Arbeitskreises Stolpersteine zustande. Hier freut sich immer über Spenden für weitere Stolpersteine:

Empfänger: Stadtarchiv Baden-Baden
Verwendungszweck: Stolpersteine (bitte unbedingt angeben)

Sparkasse IBAN: DE25 6625 0030 0000 0108 68
Volksbank IBAN: DE40 6629 0000 0280 1754 04



 


 

Donnerstag, 6. September 2018

Grüner Salon


Lesung über die Erfahrungen 
jüdischer Kinder in der Verfolgung

... am Beispiel von Anne Frank und Selma Meerbaum-Eisinger

Dank des Buches „Ertrinken“ von Gerhard Durlacher und der Initiative „Baden-Baden liest ein Buch“ erhalten die Erfahrungen jüdischer Kinder in der Verfolgung neue Aufmerksamkeit - ihr Leiden am alltäglichen Rassismus, ihre Hilflosigkeit, ihr Ausgeliefert-Sein. 

Dies nimmt Pfarrer Thomas Weiß zum Anlaß, zu einer Veranstaltung des jungen Erinnerns in Luthers Grünem Salon im Lutherhaus in Lichtental einzuladen.



Anne Frank mit ihrem weltberühmten Tagebuch und Selma Meerbaum-Eisinger mit ihren zarten Gedichten stehen eben für dieses Erinnern von Kindern und Jugendlichen in der Zeit des Nationalsozialismus. In Luthers „Grünem Salon“ wird auf sie gehört.

mit:
Eva Egloff, Märchenerzählerin, Baden-Baden
Thomas Weiß, Pfarrer und Autor, Baden-Baden

Ort:
Lutherhaus, Maximilianstr. 82, 76534 Baden-Baden/Lichtental

Zeit:
Mittwoch, 19. September 2018, 19 Uhr

Kosten:
Eintritt frei, Spenden am Ausgang erbeten

Veranstalter*in:
Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Kooperation mit Evang. Luthergemeinde Baden-Baden (07221-97980) – im Rahmen von „Baden-Baden liest ein Buch“.








Sonntag, 5. August 2018

Stolperstein-Rundgang


Viel zu lange wiegten sich die Juden
in Baden-Baden in trügerischer Sicherheit

Es waren erschütternde, unglaublich tief anrührende Lebensgeschichten, die die Teilnehmer des Stolperstein-Rundgangs durch die Innenstadt von Baden-Baden gestern quasi aus erster Hand erfuhren. 

Die OrganisatorInnen des Stolperstein-Rundgangs: Kulturamtschefin Petra Heuber-Sänger, Buchhändler Josua Straß und die Historikerin Angelika Schindler (von links)


Die Historikerin, Buchautorin und ARTE-Redakteurin Angelika Schindler vom Arbeitskreis Stolpersteine und Buchhändler Josua Straß hatten in mühevoller Kleinarbeit das Schicksal von sieben verfolgten Baden-Badener Juden zusammengetragen und führten nun im Rahmen der Baden-Badener Sommerdialoge eine Gruppe von weit mehr als 30 Interessierten zu den Gedenksteinen beziehungsweise ehemaligen Wohn- und Wirkungsstätten der Betroffenen.



Schreib auf, soviel du kannst, mein Freund,
Aber berichte der Welt nicht nur
Die Zahl der Getöteten.
Weil eine Zahl keinen Namen hat
Und keine geraubte Zukunft.
Berichte der Welt:
Es waren Johann und William
Und Victor und Francesco, die getötet wurden.“

Diese Zeilen des Bosniers Slavko Bronzic, von dem man außer seinem Namen nichts weiß, fand man 1991 in der Tasche eines getöteten Journalisten. Inzwischen ist sein Gedicht zum Motto für Reporter weltweit geworden. 

Für Angelika Schindler war dieses Gedicht auch ein passender Einstieg in die Materie, beschreiben die Worte doch auch das Anliegen ihres Arbeitskreises sehr treffend. 182 Stolpersteine sind in den vergangenen zehn Jahren in Baden-Baden verlegt worden, zu einigen führte gestern der Rundweg. 
 
Die sieben Schicksale, die Angelika Schindler herausgesucht hatte, standen „exemplarisch für das Schicksal vieler Verfolgter in Baden-Baden, für Menschen, die Nachbarn, Patienten, Kunden waren, Menschen, die das Leben der Stadt mitgestalteten und die sehr plötzlich zu Ausgeschlossenen und Opfern eines Willkürstaates wurden.“ 



Wie schnell und überraschend dies damals geschah, verdeutlichte sie am Beispiel von Theodor und Auguste Köhler. Das Ehepaar betrieb vor dem Dritten Reich das Hotel Tannhäuser Hof am Sonnenplatz 1, ein Hotel mit 20 Zimmern und koscherer Küche, das sich auch dadurch auszeichnete, dass es nicht weit von der Synagoge entfernt war. Es kamen vor der Machtergreifung zahlreiche Juden in die Kurstadt und sorgten für florierende Geschäfte nicht nur in der Gastronomie. 
 
Noch 1930 konnten sich die Juden in der Stadt sicher und geachtet fühlen, obwohl nach dem Ersten Weltkrieg andernorts längst die Stimmung in Antisemitismus umgekippt war. Nicht so in Baden-Baden, hier hielt man noch lange das Flair als Kurstadt hoch, die auf viele Gäste unterschiedlicher Herkunft und Religion angewiesen war. So gründete sich noch 1930 beispielsweise eine „Bewegung gegen den Hassgesang“ in der Stadt, und selbst 1933, als das Rathaus nationalsozialistisch wurde, hielt man sich vorerst noch zurück. Man wolle gastfreundlich sein gegenüber allen, egal, welcher Partei, Nation, Religion oder Rasse sie angehörten, wurde verlautbart. „Alle fühlten sich sicher und geschützt“, berichtete Angelika Schindler. 

 

Doch es war eine trügerische Ruhe, die fatal endete, auch für das Ehepaar Köhler. Tochter Ruth bekam es als erste zu spüren: Sie wollte Zahnmedizin studieren, wurde aber plötzlich von der Universität verwiesen. Sie ging daraufhin nach Palästina, schlug sich in der Gastronomie durch und heiratete. Zur Hochzeit kamen auch die Eltern, und sie beschwor Mutter und Vater, bei ihr in Palästina zu bleiben. Doch die beiden hatten Angst. Angst vor der Umstellung, Angst vor der Sprache, Angst auch vor den Arabern, die sich damals gegen den Zuzug der Juden zu wehren begannen. Ein Jahr danach war es bereits zu spät. Am 10. November 1938, am Tag, an dem in Baden-Baden die Synagoge brannte, sandten sie ein Telegramm an die Tochter und baten dringend, sie möge ihnen eine Einladung zur Einreise nach Palästina schicken. Doch die Engländer erlaubten keine Einreisevisa mehr, und so wurden Auguste und Theodor Köhler 1940 nach Gurs deportiert und 1942 in Auschwitz ermordet.



Auch an das Schicksal des Synagogendieners Louis Weill wurde beim Rundgang erinnert. In dem Zusammenhang las Josua Straß Zitate aus einem Bericht des ehemaligen jüdischen Lehrers vom Gymnasium Hohenbaden, Gerhard Flehinger, vor, der eindrücklich und eindringlich die Schändung der Synagoge am 10. November 1938 beschreibt: „In der Synagoge war alles wie verwandelt. Der heilige Boden des architektonisch so wunderschönen Tempels war von frevlerischen Händen entweiht. Das Gotteshaus wurde zum Tummelplatz schwarzer, uniformierter Horden...“ Die zusammengetriebenen jüdischen Männer mussten das Horst-Wessellied singen, dann zwang man Flehinger, eine Stelle aus „Mein Kampf“ vorzulesen...

Anschließend ging es weiter zum Hotel Central, das sich der Synagoge gegenüber in der Stephanienstraße befand. Noch heute kann man sich gut vorstellen, wie romanisch der Garten des Hotels einst gewesen war.



Aber der Hotelbesitzerfamilie erging es wie vielen anderen Juden in Baden-Baden: Sie wurde am 22. Oktober 1940 am frühen Morgen von Polizisten und Gestapoleuten geweckt, die an den Wohnungstüren der jüdischen Bevölkerung erschienen und sie aufforderten, sofort ihre Sachen zu packen. Wohin die Reise gehen sollte, war völlig unklar. 50 Kilo Gepäck und maximal 100 Reichsmark waren erlaubt, überlegtes Packen war unter diesen Umständen nicht möglich. Die Menschen wurden zu Sammelstellen gebracht und nach dreitägiger Zugfahrt nach Gurs gebracht, ein Internierungslager in Frankreich.

116 Menschen standen auf der offiziellen Baden-Badener Transportliste, zwei Drittel von ihnen waren Frauen über 60 Jahre. Vier Baden-Badener Juden nahmen sich an jenem Morgen das Leben. Ausgenommen von der Deportation waren nur wenige: Juden in „Mischehen“ etwa, oder nicht transportfähige kranke Menschen. Mit 82 Jahren war Synagogendiener Louis Weill der Älteste unter den Deportierten. 

Vergrößerte Fotografien der Betroffenen unterstützten die Aktion anschaulich
 
Mit dabei waren auch Theodor und Liesel Rosenthal und ihr Vater Philipp Lieblich, dem das Hotel Central gehörte. Theodor Rosenthal, der ursprünglich hatte Medizin studieren wollen, dies aber wegen der Rassengesetze aufgeben musste und im Hotel seine Schwiegervaters als Küchenchef arbeitete, schrieb später in sein Tagebuch über die Ereignisse des 22. Oktober 1940: „Ich war um 7 Uhr in die Küche gegangen, um das Frühstück für die Gäste vorzubereiten, aber dann klingelte es an der Tür. Ein Nazi stand dort und sagte, wir müssten in einer Stunde gepackt haben und das Haus verlassen. Ich lief sofort zu Liesel hoch, die noch im Bett lag. … Liesel war im dritten Monat schwanger, griff an ihren Leib und sagte: Das arme Baby, wie wird das nur werden.“ … „Wir rafften förmlich an Kleidungsstücken, was wir gerade aus den Schränken herauszerren konnten und warfen sie in unsere Koffer. Die besten Kleider und Anzüge ließen wir leider zurück. Geistesgegenwärtig dachte ich zumindest noch an die Babywäsche für das ungeborene Kind.“ 

 

Weiter heißt es in den Aufzeichnungen: … „Das Hotel war unser ganzer Lebensinhalt. Es war furchtbar, alles im Stich lassen zu müssen: Die Heimat, die wir so liebgewonnen, zu verlieren, dem vertrauten Heim, dem behaglichen Familientisch entrissen zu werden.“ ... „Das, was wir jahrelang in oft tage- und nächtelanger Arbeit mit so viel Mühe und Schweiß aufgebaut hatten, das sollte mit einem Mal alles zunichte gemacht werden.“

All dies, so Angelika Schindler, geschah keineswegs unter Ausschuss der Öffentlichkeit. Theodor Rosenthal schreibt dazu: „Das Volk betrachtete uns mit spöttischen Blicken, aber diejenigen, die mit uns fühlten, und es sind – wie ich es sehe – nicht wenige, gehen still umher und gaffen uns nicht an wie die anderen.“



Nur wenige Meter neben dem einstigen Hotel Central, im Gebäude des Kaiserhofs, wurde der nächste Stopp eingelegt. Hier liegen die Stolpersteine für die Familie von Joseph Götzel, eines orthodoxen Juden, der, obwohl er nicht lesen und schreiben konnte, sich zu einem erfolgreichen Teppichhändler hochgearbeitet hatte und sogar in der Lage war, den Kaiserhof zu kaufen. 13 Kinder hatte er mit seiner Frau Malka, Sohn David Gilbert hat später seine Erinnerungen an das streng religiöse Familienleben aufgeschrieben, die Josua Straß vorlas. Hierin heißt es zum Beispiel: „Um uns herum errichtete er (der Vater) eine unsichtbare Mauer, die uns von der Welt und besonders von der deutschen Gesellschaft fernhalten sollte. Das moderne Leben existierte für ihn nicht. Er nahm nichts in Anspruch, was die deutsche Kultur zu bieten hatte: Musik, Bücher, Theater, Filme. Seine Welt war die Tora, der Talmud und die Mischna. …. In der Schule fühlte ich mich ziemlich isoliert. Obwohl ich in Deutschland geboren war, betrachteten mich die Klassenkameraden als russischen Juden. Uns wurde nie die deutsche Staatsbürgerschaft zuerkannt, wir waren Bürger zweiter Klasse...“





Weitere Stationen waren die Stolpersteine und Erinnerungen an die Familie Nachmann in der Sophienstraße und an Elsa Wolf, über die es einen akustischen Stolperstein des SWR gibt => KLICK



Der Schlusspunkt des Rundgangs fand auf dem Balkon über dem Bürgerbüro statt, und hier kam auch das Schicksal Gerhard Durlachers zur Sprache. Allerdings wurde nicht aus seinem Buch „Ertrinken“ zitiert, das in diesem Jahr Mittelpunkt der stadtweiten Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“ ist, sondern man konnte Bekanntschaft schließen mit seiner energischen Tante Jett aus Holland .. 




... und erfuhr einiges aus dem Seelenleben seiner Töchter. Jessica Durlacher nämlich setzt sich als erfolgreiche niederländische Autorin in mehreren Büchern mit dem Schicksal ihres Vater und der Familie auseinander, Kostproben aus „Der Sohn“ und „Die Tochter“ bezeugten dies.


Wie beglückend die ehrenamtliche Arbeit als Initiatorin der Stolperstein-Aktion sein kann, erfuhr das Publikum zu guter Letzt, als Angelika Schindler ein Foto aus ihrer privaten Sammlung hervorholte: Es ist am 8. Mai 2018 entstanden, als Gerhard Durlachers Witwe Anneke und die Töchter Jessica und Eva bei einer Veranstaltung im Richard-Wagner-Gymnasium zu Gast waren und den Abend in Angelika Schindlers Garten ausklingen ließen.



Eineinhalb Stunden hatte der Rundgang gedauert, und am Ende kam Bedauern auf, dass dieses unvergessliche Ereignis so schnell verflogen war. Für alle, die den Rundgang versäumt haben, gibt es aber vielleicht einen kleinen Hoffnungsschimmer auf eine eventuelle Wiederholung im Herbst. Drücken wir die Daumen, dass dies kein unerfüllter Wunsch bleiben möge! Die Aktion ist es auf jeden Fall wert, wiederholt zu werden. 

Und nun der Wermutstropfen: Wie das so ist in der Ehrenamtsarbeit -  sie kostet die Organisatoren viel Vorbereitungszeit, und am Ende wird etwas Wichtiges vergessen! 

An kühle Getränke für die mittägliche Hitze hatte man gedacht...


... aber erst als die Gäste gegangen waren, fiel Angelika Schindler ein, dass sie ja noch um Spenden hatte bitten wollen, damit auch 2019 wieder Stolpersteine in der Stadt verlegt werden können. Das Kulturbüro hatte aus diesem Grund extra und ausnahmsweise auf die Erhebung von Eintrittsgeldern für diese Veranstaltung verzichtet! Jetzt bleibt also nur die herzliche Bitte: Wenn jemand dies nachholen oder grundsätzlich die Stolperstein-Aktion unterstützen möchte – hier sind die Spendenkonten:

Empfänger: Stadtarchiv Baden-Baden
Verwendungszweck: Stolpersteine (bitte unbedingt angeben)

Sparkasse IBAN: DE25 6625 0030 0000 0108 68
Volksbank IBAN: DE40 6629 0000 0280 1754 04


Im Herbst wird die Veranstaltungsreihe „Baden-Baden liest ein Buch“ mit Vorträgen, Lesungen, Musikdarbietungen und während der interkulturellen Woche zum Laubhüttenfest mit einem Informationsabend über den „jüdischen Alltag heute“ fortgesetzt. Die genauen Termine finden Sie hier => KLICK