Donnerstag, 29. November 2018

Abschlussbilanz


Positive Bilanz zur großen Mitmach-Aktion
Bunte Projekte, zufriedene Initiatoren

(Von Silke Heimann) 
„Es war ein umwerfender Erfolg! Die Bevölkerung hat begeistert mitgemacht, wir hatten viele Kooperationspartner und Förderer, die Veranstaltungen waren fast durchweg gut besucht“, so das Fazit von Rita Hampp, Sprecherin des Bündnisses Baden-Baden ist bunt zur Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“.
 
 
Mit der Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“ blicken die Organisatoren auf ein arbeitsintensives, aber auch auf ein sehr bereicherndes und erfolgreiches Jahr zurück. Am Mittwochabend trafen sich die Initiatoren des Bündnisses „Baden-Baden ist bunt“ und der Arbeitskreis Stolpersteine zu einem Resümee mit den Kooperationspartnern in der Stadtbibliothek. 




Zahlreiche Institutionen, Schulen und Vereine der Stadt trugen in den letzten Monaten mit ihren facettenreichen Beiträgen zu einem beispiellosen Gesamtprojekt bei. Nicht zu vergessen die aufgeschlossene Bevölkerung, bei der das Projekt auf eine überaus positive Resonanz stieß.


Erinnert werden sollte an den inzwischen verstorbenen Gerhard Durlacher, der am 10. Juli 2018 seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte. Sein autobiografisches Buch „Ertrinken - eine Kindheit im Dritten Reich“ sollte als eine Spurensuche in unserer Stadt - nach weitere Geschichten, Lebenswegen, Schicksalen, nach Schauplätzen und Hintergründen dienen. Die Idee, dass die ganze Stadt dieses Buch liest, Aktionen initiiert und mitmacht, war ein Jahr zuvor geboren.


Es begann im Januar 2018 mit der Auftaktveranstaltung und Buchvorstellung im Gymnasium Hohenbaden unter Mitwirkung von Schülern der Klasse 8b. Das Highlight bildete dann ein Abend mit der niederländischen Autorin Jessica Durlacher und ihrer Schwester Eva sowie Durlachers Witwe Anneke im Richard-Wagner-Gymnasium. Die Lesung und eine Talkrunde mit den Durlachers wurde mit einer Aufführung der Theater AG und der Filmvorführung „Ertrunken“ von Georg von Langsdorff abgerundet.

Vielfältige Lesungen mit dem Verein Leselust und
der deutsch-israelischen Gesellschaft, ganz besondere Stadtspaziergänge mit dem Arbeitskreis Stolpersteine und dem Theater, die Readers Corner der Stadtverwaltung, eine beeindruckende Kirchendachlesung in der Stiftskirche mit Pfarrer Michael Teipel und viele weitere Vortragsveranstaltungen folgten. Um allen Interessierten einen Einblick in das jüdische Leben zu gewähren, feierte die israelitische Kultusgemeinde im Septemebr das Laubhüttenfest öffentlich in den Kurhauskolonnaden und lud anschießend zu einem umfassenden Informationsabend ins Gemeindezentrum ein.
Parallel zu all diesen Aktionen initiierte der Arbeitskreis Stolpersteine noch das Projekt „Baden-Baden schreibt ein Buch“. Die Präsentation dieser Ergebnisse steht noch aus: Am Sonntag, 20. Januar 2019, werden um 16 Uhr im Bonhoeffersaal in einer szenischen Lesung in Kooperation mit dem Theater Beiträge aus einem Schreibworkshop vorgestellt, in denen Geflohenen aus verschiedenen Zeiten und Ländern einen besonderen Augenblick ihrer Fluchtgeschichte aufgeschrieben haben.

Zum Schluss bleiben den Initiatoren zwei Wünsche: Der Appell an den Gemeinderat, den Hindenburgplatz umzubenennen oder zumindest eine der namenlosen Brücken Gerhard Durlacher zu widmen, um sein Gedenken in unserer Stadt zu bewahren. Und die Hoffnung, durch den Verkauf des vergriffenen und deshalb neu aufgelegten Buches weitere Stolpersteine für Baden-Baden zu finanzieren. Dieser Wunsch hat sich leider noch nicht erfüllt, denn lediglich ein Drittel der Auflage wurde bisher verkauft. Aber bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt und die beiden Baden- Badener Innenstadt-Buchhandlungen sind für das beginnende Weihnachtsgeschäft gut bestückt. 

 

Überblick


Ein Jahr Mitmach-Aktion - Überblick

Die Aktionen und Veranstaltungen im Rahmen der Aktion „Baden-Baden liest (und schreibt) ein Buch“.

Eine Initiative von Bündnis „Baden-Baden ist bunt“ mit Arbeitskreis Stolpersteine

Die Idee

Das Aktionsbündnis „Baden-Baden ist bunt“ erinnert an den inzwischen verstorbenen Gerhard Durlacher, der am 10. Juli 2018 seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte. Sein autobiographisches Buch „Ertrinken – eine Kindheit im „Dritten Reich“ ist Ausgangspunkt für eine Spurensuche in Baden-Baden - nach weiteren Geschichten, Lebenswegen und Schicksalen, nach Schauplätzen und Hintergründen. Unterschiedliche Kooperationspartner tragen aus ihrer Perspektive einen Mosaikstein zum Gesamtprojekt bei: in Form von Vorträgen und Diskussionsrunden, Lesungen und Theaterinszenierungen, Stadtspaziergängen, Schulprojekten und Filmvorführungen etc. Mit dabei sind der Arbeitskreis Stolpersteine Baden-Baden, zahlreiche Schulen, das Theater, die Deutsch-Israelische Gesellschaft, das Stadtmuseum, die örtlichen Buchhandlungen, die Volkshochschule, der Verein Leselust, das Badische Tagblatt, die Stadtbibliothek, das Kulturamt und viele weitere Einrichtungen der Stadt.




Chronologie

Mehr als ein Jahr Vorbereitungen waren nötig, um bei einem gemeinsamen Treffen im Juli 2016 aus einer ersten Idee die Mitmach-Aktion „Eine Stadt liest und schreibt ein Buch“ zu gestalten. Schnell war dem kleinen Organisations-Team klar, welches Buch ausgewählt wird: Gerhard Durlachers „Ertrinken“. Leider war es nicht mehr im Handel erhältlich und musste neu überarbeitet und herausgegeben werden. Angelika Schindler übernahm den Part der Herausgeberin, Prof. Dr. Peter Steinbach konnte für ein Vorwort gewonnen werden, der Druck wurde privat vorfinanziert. Der Verkaufspreis wurde extra sehr moderat festgelegt, damit sich möglichst viele Interessierte (besonders die Schulen standen hier im Fokus) das Buch kaufen und sich mit dem Thema beschäftigen können. Vom Überschuss sollten weitere Stolpersteine für Baden-Baden finanziert werden. Allerdings ist die Aktion bislang noch nicht kostendeckend.


Aktionen

Mittwoch, 13. September 2017 – Das Bündnis trifft sich mit mehr als zwei dutzend engagierten Privatpersonen und Kooperationspartnern in der Kulturscheune in Baden-Baden und bildet einen Ideenpool. Es folgen monatliche Zusammenkünfte, um das Projekt detailliert zu voranzutreiben.=> KLICK




Ende November 2017 – Das Buch ist da! Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft. Über 3000 Exemplare treffen in Baden-Baden ein und müssen in ein Zwischenlager geschleppt werden. Plakate werden entworfen und ausgedruckt. => KLICK



Mittwoch, 10. Januar 2018 - Wir stellen Oberbürgermeisterin Margret Mergen das Buch vor und stoßen auf begeisterte Unterstützung  => KLICK





Donnerstag, 25. Januar 2018 – Auftaktveranstaltung mit Buchvorstellung in der Aula des Gymnasiums Hohenbaden unter Mitwirkung von Schülern der 8b, mit Beiträgen von Dr. Kurt Hochstuhl und der Historikerin und ARTE-Redakteurin Angelika Schindler. => KLICK



Die 8b vom Hohenbaden bereitet sich auf die Buchpräsentation vor => KLICK


 

Donnerstag, 25. Januar 2018 - Zum Nachlesen: Angelika Schindlers Portrait über Gerhard Durlacher => KLICK 



Montag, 29. Januar 2018 - Oberbürgermeisterin Margret Mergen lässt vor der Gemeinderassitzung jedem Stadtrat ein Durlacher-Buch auf den Platz legen. => KLICK



Freitag, 2. Februar 2018 - Das Foto täuscht! Unser Angebot, das Buch im Café Kunsthalle immer wieder freitags nachmittags mit Lesern zu diskutieren, wurde nur am ersten Tag super angenommen. Die Aktion wurde nach einem Monat eingestellt, weil nur ein oder zwei Teilnehmer kamen. => KLICK




Donnerstag, 8. Februar 2018 - Im Gymnasium Klosterschule vom Hl.Grab wird das Buch gelesen und reißt sogar Lesemuffel der 10 a aus der Lethargie! => KLICK



Montag, 26. Feburar 2018 - Ein privater Lesekreis trifft sich in kulinarischer Runde, um sehr engagiert über das Buch zu diskutieren. Es gibt sogar Katzenzungen!  => KLICK

 

Dienstag, 8. Mai 2018 - „Trotzdem leben!“. Ein Abend mit der niederländischen Autorin Jessica Durlacher und ihrer Schwester Eva sowie Durlachers Witwe Anneke in der Aula des Richard-Wagner-Gymnasiums. Mit Filmvorführung „Ertrunken“ von Georg von Langsdorff und unter Mitwirkung von Schülern des RWG. Gesprächsführung durch Angelika Schindler. => KLICK

 

Donnerstag, 10. Mai 2018 – Barbara Hoffs von der deutsch-israelischen Gesellschaft liest anlässlich des 85. Jahrestages der Bücherverbrennung am Platz hinter der Stadtkirche aus „Ertrinken“. => KLICK

 

Mehrere Tage im Juni 2018 – Der Verein Leselust in Baden liest im Stadtmuseum für Kinder aus dem Buch „Das Mädchen mit der Perlenkette“. Ein Erfolg: Sechs Termine wurden von den Kindergärten gebucht. => KLICK


Freitag, 8. Juni 2018 – Manfred Bender stellt im Rahmen des Café international die Zerstörung der Baden-Badener Synagoge und das Schicksal der Baden-Badener Juden vor. Das trifft auf große Aufmerksamkeit im Raum, und für die hauptsächlich aus Eritrea stammenden Besucher gibt es eine Übersetzung in Tigrinya.

Montag bis Donnerstag, 11. bis 14. Juni 2018 – Die Readers Corner der Stadtverwaltung im Rathausgarten ist jeden Tag in der Mittagspause gut besucht. => KLICK


Mitte Juni – Readers Corner an vier Tagen mit Stefan Lutz-Bachmann in der Tagespflege der Caritas.

Samstag, 16. Juni 2018 – Lese-Spaziergang mit dem Theater Baden-Baden an verschiedenen Schauplätzen mit ausgewählten Texten aus dem Buch „Ertrinken“. => KLICK

 

Dienstag und Mittwoch, 19. und 20. Juni 2018 - „Reader's Corner“ mit Tina Lipps im Via-Wohnprojekt. => KLICK


Donnerstag, 21. Juni 2018 – Biografie-Werkstattgespräch in der Stadtbibliothek mit der Autorin Maren Gottschalk über das Leben von Sophie Scholz. => KLICK

 

Freitag, 22. Juni 2018 – Das Café international macht unter Führung von Anke Ickerodt zusammen mit Flüchtlingen eine Exkursion zu einzelnen, ausgewählten Stolpersteinen - mit vielen interessierten Rückfragen der Teilnehmer.

Dienstag, 3. Juli 2018 – Der Verein Leselust bietet im Stadtmuseum eine szenische Lesung aus Durlachers „Ertrinken“ für Oberstufenschüler an. Das Angebot ist ausgebucht, zwei weitere Aufführungen finden zwei Wochen später statt. => KLICK 

 

Samstag, 7. Juli 2018 – Vorstellung der Mitmach-Aktion anlässlich der Eröffnung des Salons Henry mit Readers Corner durch Eva Egloff. => 



Dienstag, 24. Juli 2018 – Beeindruckende Kirchendachlesung in der Stiftskirche mit Pfarrer Michael Teipel. => KLICK


Juli 2018 – Das Schreibprojekt des Arbeitskreises Stolpersteine wird mit einem Förderpreis des Aktionsfonds ViRal für zivilgesellschaftliches Engagement ausgezeichnet! => KLICK



Samstag, 4. August 2018 – Lesemarathon vor der Buchhandlung Straß. Mitglieder des Vereins Leselust in Baden lesen das komplette Buch an einem Vormittag vor.=> KLICK

 

Sonntag, 5. August 2018 – Historischer Stadtspaziergang auf den Spuren Durlachers im Rahmen der Sommerdialoge des Kulturbüros – mit der Historikerin und Arte-Redakteurin Angelika Schindler und Buchhändler Josua Straß. => KLICK


Mittwoch, 19. September 2018 – In Luthers Grünem Salon lesen Eva Egloff und Pfarrer Thomas Weiß unter dem Motto „Junges Erinnern“ Texte von Anne Frank und Selma Meerbaum-Einsinger. => KLICK





Donnerstag, 20. September 2018 – Vortragsabend mit Prof. Dr. Peter Steinbach zum Thema Heimat und Exil in der Vincenti-Grundschule mit einem Beitrag von Felix Vogt => KLICK



Sonntag, 23. September 2018 – Konzert mit Rosie Dasch in der Lutherkirche, in dem mit ergreifenden Liedern und Texten die Geschichte des Wilnaer Ghettos nachgezeichnet werden. Das Konzert wurde ermöglicht durch die Initiative von Gisela Erbslöh. => KLICK


Mittwoch, 26. September 2018 - Laubhüttenfest mit Speis und Trank und Lied und Gesang in den Kurhauskolonnaden mit einem anschließenden umfassenden Informationsabend über das jüdische Leben in Baden-Baden – zusammen mit der israelitischen Kultusgemeinde und dem „Trio Brahms Plus“ der Philharmonie, im Rahmen der interkulturellen Woche. => KLICK


Dienstag, 16. Oktober 2018 – Neuauflage des Stolperstein-Stadtspaziergangs vom 5. August => KLICK

Auch das Pädagogium hat sich im Deutschunterricht bei Herrn Rüdiger Lorth mit dem Thema beschäftigt und einen Film mit den wichtigsten Szenen aus „Ertrinken“ gedreht und eine kleine Fotostory verfasst. => KLICK



Ausblick auf 2019:

Am Sonntag, 20. Januar 2019 werden um 16 Uhr im Bonhoeffersaal in einer szenischem Lesung Ergebnisse aus den Schreibworkshops vorgestellt, in denen Geflohene aus verschiedenen Zeiten und Ländern einen besonderen Augenblick ihrer Fluchtgeschichte aufgeschrieben haben. Mit einer begehbaren Klanginstallation der ehemaligen Baldreit-Stipendiatin Rike Scheffler. => KLICK

In zeitlicher Nähe hierzu soll es außerdem noch einen Diskussionsabend über traumatisierte Kriegskinder geben.





Pädagogium


Schüler stellen Durlachers Buch nach:
Video und Foto-Story als Ergebnis


Auch das Pädagogium beteiligte sich an der Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“. Das Produkt der Arbeiten stellte die Sprecherin des Bündnisses „Baden-Baden ist bunt“ im Rahmen der Abschlusssitzung des Planungsteams vor.

Unter ihrem Lehrer Rüdiger Lorth gingen die Päda-Schüler im Deutschunterricht ganz unterschiedlich an die Thematik - eine Jugend im Dritten Reich in Baden-Baden – heran.

So wurden die wichtigsten Szenen aus Gerhard Durlachers Erinnerungen „Ertrinken“ in einem kleinen Video nachgestellt => KLICK

 



Eine zweite Gruppenarbeit mündete in einer Fotostory, hier ein paar Beispiele:






Oberlehrer Kreis

Rollenbiografie zur Figur des Oberlehrers Kreis
 
Im Zuge des Deutschunterrichts beschäftigte sich die Klasse 8 b des Gymnasiums Hohenbaden in Form von Rollenbiografien mit dem Buch „Ertrinken“ von Gerhard Durlacher.
Ein besonders beeindruckendes Beispiel hierfür ist die Arbeit von Felix Vogt, die der Schüler im September vor großen Publikum vortrug und viel Beifall dafür erntete. Hier sein Text im Wortlaut:


Rollenbiografie zur Figur des Oberlehrers Kreis

Ich bin Oberlehrer Kreis der Adolf- Hitler- Schule in Baden- Baden. Ich bin bereits älter und habe noch wenige Jahre bis zur Rente. Als Lehrer unterrichte ich die Schüler der Schule in Mathematik, Deutsch und Sport. Meine Arbeit gefällt mir gut, da ich es mag, kleinen Kindern Wissen beizubringen und an ihrem Leben teilzuhaben. Allerdings beunruhigen mich die jüngsten Entwicklungen. Gerade die Jungen, die wie Nazis denken, sind gefährlich und antisemitische Beleidigungen haben stark zugenommen. Ich bin mit meinem Gehalt zufrieden, da es für das Wesentliche ausreicht und meine Frau und ich uns eine geräumige Wohnung und regelmäßige Badbesuche leisten können. Ich lebe mit meiner Frau in der Sophienstraße, unweit von der Schule entfernt. Unser einziger Sohn hat leider kein gutes Verhältnis zu uns, da er selbst Nazi ist und uns verabscheut.
Ich bin kein Nationalsozialist und teile deren Ansichten auch nicht. Trotzdem verstelle ich mich in der Schule, da ich sonst große Probleme bekomme. Mein eigener Unterricht widert mich an. Ich täte nichts lieber, als Leo Wohleb zu folgen und die Adolf- Hitler- Schule vor den Nazis zu immunisieren. Doch Fritz’ Vater ist ein hohes Parteimitglied der Nazis. Ich habe Angst, selbst deportiert zu werden, daher verstelle ich mich und lasse das Horst-Wessel-Lied singen. In der Klasse 1a sind auch zwei Juden namens Gerhard und Walter. Ich bemitleide sie, traue mich jedoch nicht, ihnen zu helfen oder sie vor Unheil zu bewahren. Ich habe Fritz bestraft, als er Gerhard beleidigt hat, doch sein Vater hat mir gedroht, er werde mich ausliefern, wenn ich diesem „Drecksjuden“ helfe. Ich habe furchtbare Angst. Das Verstellen, der Anblick der Klasse, die mit sauber gewichsten Schuhen, gebügelten Hemden und Koppeln vor mir steht und mit dem Hitlergruß grüßt, lässt mich schaudern. Tag für Tag zu sehen, wie Juden misshandelt werden, ist für mich eine Qual. Und trotzdem unternehme ich nichts dagegen, weil die Sorge um mein Leben größer ist als die Kenntnis, dass täglich schuldlos Juden durch den Wahn nach einem Nationalstaat, durch die Euphorie für einen Mörder, für Adolf Hitler, hingeschlachtet werden, wie Schweine auf einem Schlachthof. Doch ich unternehme nichts gegen all das, ich rolle mich zusammen wie ein Igel und warte, bis alles vorbei ist. Ich fühle mich wie ein Staudamm, der in den Wogen bricht. Ich will all das nicht mehr hören, nicht mehr sehen, nicht mehr ertragen müssen. Und deshalb wünsche ich mir, dass das alles bald ein Ende nimmt, dass Juden, die nichts dafür können, nicht weiter verhöhnt werden, dass Deutschland zur Vernunft kommt und befreit wird von dem Parasiten, der sich in unseren Köpfen eingeschleust hat, Krieg und Hass seien erstrebenswert. Denn Krieg bringt nur Verluste und es kann nur Verlierer geben. Auch wenn ich wahrlich nicht sehr gläubig bin, so schaue ich nun zum Himmel auf und bete, dass dieses Unheil nun enden solle. Und wie schon Immanuel Kant gesagt hat, so bedienet euch eures Verstandes und beginnt zu denken. Ich möchte wieder mein Leben so leben, dass ich frei bin und nicht zu bangen brauche, irgendetwas gesagt oder getan zu haben, was mir zum Verhängnis wird.
Und ich weiß, ich bin keinen Deut besser als die Nazis, ich scheine ja auch einer zu sein. Aber ich hoffe, dass man mich richtig sieht, als einen, der das alles gar nicht will, als einen, der von Grund auf die Demokratie leben will und als einen, der nie Juden oder andere kulturell Motivierte ihrer Religion wegen diskriminieren würde. Alles, was man von mir weiß, und wie ich mich verhalte, ist eine Maske des Meinigen, ein angelegter Schutzschild, der meine wahren Gedanken vertuscht. Man möge mir vergeben, was ich getan habe. Nicht der feste Glaube daran veranlasst mich so zu handeln, sondern eine Angst, eine Starre, eine Fassungslosigkeit im tiefsten Inneren meines Herren.


Felix Vogt, Klasse 8b

Gymnasium Hohenbaden, Baden-Baden







Mittwoch, 14. November 2018

Schreibwerkstatt


Eine Stadt schreibt ein Buch
Szenische Lesung und Klanginstallation


Baden-Baden ist seit 1945 immer wieder zum Zufluchtsort für Menschen geworden, die ihre Heimat verlassen mussten. Sie sind aus Ostpreußen und der DDR, aus dem Iran und der ehemaligen Sowjetunion gekommen, vom Balkan, aus Afrika und Afghanistan, aus Syrien... Manche sind schon seit Jahrzehnten gegangen und haben längst einen deutschen Pass, andere sind erst seit einem Jahr hier. Für manche ist Baden-Baden Heimat geworden, für andere eine vorläufige Bleibe, in der sie noch keine Wurzeln geschlagen haben. In einer Schreibwerkstatt sind sie alle zusammengekommen und haben einen besonders emotionalen Moment ausgewählt, der viel über ihre Flucht oder ihren Neubeginn erzählt. Ihre Geschichten finden zwar zu unterschiedlichen Zeitpunkten statt und sind in verschiedenen Ländern angesiedelt, aber sie teilen viele Erfahrungen. In einer szenischen Lesung mit zwei Schauspieler*innen und den Teilnehmenden der Schreibwerkstatt können die Zuhörer*innen daran teilhaben.

Die Teilnehmer der Schreibwerkstatt mit zwei der Kursleiterinnen, Ulla Hocker (rechts) und Angelika Schindler (3. von rechts)

Eine begehbare Klanginstallation der Berliner Künstlerin und ehemaligen Baldreit-Stipendiatin Rike Scheffler ergänzt die Veranstaltung: auf einer Bodenfolie sind Zitate der Geflüchteten nachzulesen und in einer mehrsprachigen Soundinstallation zu hören. So können die Zuhörer*innen selbst zu den Worten der Erzähler*innen gehen. Durch die Surround-Sound-Umsetzung entsteht der Eindruck, mitten in ihrer Welt zu stehen.


Mitwirkende: 
Kursteilnehmer*innen der Schreibwerkstatt „Baden-Baden schreibt ein Buch“, die Kursleiterinnen Ulla Hocker, Petra Mallwitz, Angelika Schindler und die Künstlerin Rike Scheffler. Schauspieler: Nadine Kettler und Ron Spieß 

Eintritt frei

Ort:
Dietrich-Bonhoeffer-Saal (Gemeindezentrum), Bertholdstr. 6a, 76530 Baden-Baden

Zeit:
Sonntag, 20. Januar 2019, 16 Uhr

Veranstalter*in:
Arbeitskreis Stolpersteine in Kooperation mit Aktionsfond ViRaL, Baden-Baden ist bunt, Evangelische Kirchengemeinde Baden-Baden, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Kulturamt Baden-Baden, Stadtbibliothek Baden-Baden, Theater Baden-Baden, Volkshochschule Baden-Baden

Kontaktdaten Veranstalter*in:
Evangelische Stadtkirchengemeinde, Pfarrstelle 1
Pfarrerin Marlene Bender, Bismarckstraße 16, 76530 Baden-Baden
Tel. 07221-391302, 
Mail: stadtkirchengemeinde@ekibad.de, 
Webseite: www.stadtkirche-baden-baden.de


Donnerstag, 11. Oktober 2018

Stadtrundgang II


Der verbrannte Traum“ wird wiederholt:
Stadtrundgang durch das jüdische Baden-Baden

Die Erfolgsgeschichte geht weiter: Nachdem der Stadtspaziergang mit Angelika Schindler und Josua Straß zu verschiedenen Stolpersteinen in Baden-Baden so großen Zuspruch gefunden hatte, wird nächste Woche der Wunsch nach einer Wiederholung erhört! Und war der Spaziergang im Sommer Teil der Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“ des Bündnisses Baden-Baden ist bunt, so wird die Herbstveranstaltung am kommenden Dienstag, 16. Oktober, Teil der jüdischen Kulturtage sein. Die Einführung findet um 18 Uhr im Gartensaal der Stadtbibliothek statt, ein Rundgang durch die Innenstadt schließt sich an. Er beginnt um 19.30 Uhr vor dem Anwesen am Sonnenplatz 1. Der Eintritt ist frei.

Bericht über den Sommer-Spaziergang => KLICK

Die brennende Synagoge 1938 sollte das Ende eines Traums von Weltoffenheit werden, den Juden und Nichtjuden im internationalen Kurort Baden-Baden geträumt hatten. Bereits im 
19. Jahrhundert waren jüdische Gäste im Weltbad zahlreich vertreten, jüdische Bürger hingegen durften sich erst seit 1862 ansiedeln. Sie waren bald integriert und weihten 1899 ihre Synagoge ein, die im „kernig deutschen Stil“ erbaut worden war, wie die lokale Presse wohlwollend konstatierte.

Auch nach 1933 fühlten sie sich relativ sicher, denn die Nationalsozialisten verfolgten im internationalen Kurort zunächst einen anderen Kurs und sahen von den üblichen Repressalien ab. Der Badeort sollte als „Visitenkarte“ des Deutschen Reichs der Weltöffentlichkeit das neue Deutschland von seiner besten Seite zeigen. Diese Politik nährte bei jüdischen Bürgern und Gästen die Hoffnung, hier eine Nische gefunden zu haben. Ein gefährlicher Traum, der spätestens mit dem Novemberpogrom am 10.11.1938 sein Ende fand.

Nach einer kurzen Einführung im Ratssaal stellt die Historikerin und ARTE Redakteurin Angelika Schindler zusammen mit Buchhändler Josua Straß sieben Lebensgeschichten vor, die exemplarisch für das Schicksal der Baden-Badener Juden stehen. Dazu nehmen sie die Besucher mit auf einen Rundgang durch die Innenstadt zu ihren Wirkungsstätten.
Bei diesem Stadtspaziergang, der zugleich die Geschichte der jüdischen Gemeinde bis 1945 erzählt, kommen die porträtierten Personen mit Auszügen aus ihren Tagebüchern und Briefen zu Wort. Zahlreiche Photos ergänzen den Rundgang. Der Abschluss widmet sich dem Leben nach dem Überleben und stellt die Frage nach der zweiten und dritten Generation.

Die Jüdischen Kulturtage der Israelitischen Kultusgemeinde Baden-Baden stehen unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeisterin Margret Mergen und von Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch der beteiligten Städte Baden-Baden und Rastatt. 




 

Donnerstag, 27. September 2018

Jüdisches Leben


Viele Fragen - viele Anworten
... und manchmal wird es kompliziert

Auf eine wunderbare offene und breite Resonanz stieß während der interkulturellen Woche das Angebot der israelitischen Kultusgemeinde in Baden-Baden, das heutige Leben der Juden in der Stadt, ihre Religion und ihren Alltag kennenzulernen. 

 
Das Bündnis „Baden-Baden ist bunt“ gab im Rahmen der stadtweiten Aktion „Baden-Baden liest ein Buch“ den Anstoß, und die Kultusgemeinde griff die Idee sofort begeistert auf. Rabbiner Daniel Naftoli Surovtsev und seine umtriebige Büroleiterin Irina Grinberg machten sich umgehend an die Vorbereitungen, und man stieß überall in der Stadt auf offene Türen: Die Philharmonie ermöglichte mit dem „Trio Brahms Plus“ einen wunderbaren musikalischen Rahmen des Abends, 




das Kurhaus genehmigte das Aufstellen einer Laubhütte mitten in den Kolonnaden (zum ersten Mal!), und Oberbürgermeisterin Margret Mergen sagte spontan zu, ein Grußwort zu sprechen – in dem sie unumwunden zugab, dass auch sie recht wenig über das Judentum wusste – obwohl es doch bis auf die grausame Nazizeit immer zu Baden-Baden gehörte und gehört. Auch wenn sie den meisten Besuchern der abendlichen Informationsveranstaltung doch einiges voraus hatte, denn im Geschäftsleben wird und wurde sie bereits häufiger mit speziellen kulturellen Fragen dieser Art konfrontiert.




Der Tag war in zwei Teile gegliedert: Ab 17 Uhr lockte das Laubhüttenfest zum Erntedank mit einem großen Zelt mit Laubdach vor dem Kurhaus zahlreiche Besucher an. Es gab koscheres Essen und Getränke, mitreißende Gesangseinlagen und ebensolche Tänze. 








Rabbiner Surovtsev erklärte geduldig, was es mit den traditionellen Laubhüttengaben Zitronatzitrone (Etrog), Dattelpalmzweig, Weidenzweig und Myrrhe auf sich hatte.




Ab 19 Uhr verlagerte sich das Geschehen in den Gemeindesaal, wo Rabbiner Surovtsev und Religionslehrer Markus Sternecker unter Gesprächsleitung von Stefan Lutz-Bachmann geschlagene zwei Stunden Rede und Antwort standen, so interessiert und wissensdurstig zeigte sich das zahlreich erschienene Publikum. 

Das lernte einiges, was man sich so nie hätte vorstellen können: Dass Milch- und Fleischprodukte so streng voneinander getrennt werden müssen, dass ein Teller, auf dem aus Versehen beides landet, nur noch für den Polterabend oder als Geschenk für Nachbarn anderer Religion taugt. Dass man am Sabbat nichts tragen darf, weder Geld noch Fahrkarten, ja noch nicht mal sein eigenes Baby – zumindest nicht im öffentlichen Raum. Dass es durchaus auch eine „geile Sache“ sein kann, wenigstens an einem Tag in der Woche mal – gezwungenermaßen – das Handy ausgeschaltet zu lassen (bis auf seelsorgerische Notfälle). Dass Wein in dem Moment koscher wird, in dem ein Rabbiner ihn herstellt (und hier zeigte sich Rabbiner Surovtsev ein Herz für Weinliebhaber, hat er doch in einem Weingut im Murgtal geholfen und somit ganz offiziell nun für koscheren Wein in der Gemeinde gesorgt (der übrigens sehr trinkbar ist!). 

Auch für gastfreundliche Nicht-Juden hatte er einen Tipp, falls sie Schwierigkeiten haben, koscheres Essen zu servieren (welches die Gemeindeglieder mit einiger Übung – es gibt sogar spezielle Führungen für sie – in einem Supermarkt in Baden-Baden, aber auch in Straßburg finden): Mit Kaffee, Obst und Nüssen liegen Sie immer richtig! Wenn allerdings gekocht wird, dann wird es schwierig. Das, so ergänzte Markus Sternecker daraufhin, übernähmen daher gerne und lieber die Gemeindemitglieder selbst.



636 Gemeindeglieder zählt man derzeit in Baden-Baden, wobei ungefähr ein Drittel aus Rastatt kommt. Nicht alle übrigens sind so orthodox wie ihr Rabbiner, doch der trägt das mit Fassung. Manches müsse er nicht wissen, meinte er und lachte herzlich. Überhaupt war wohl das Fazit des Abends: Dass das Judentum gerne informiert, aber nicht missioniert. Das sei nicht ihr Anliegen, hieß es. Gott wolle nun mal die Vielfalt. - Nun, und davon gibt es reichlich in unserer bunten Stadt!

Hier geht es zur Webseite der israelitischen Kultusgemeinde Baden-Baden =>  KLICK




Montag, 24. September 2018

Rosie Dasch


Schrecklich und einprägsam:
Das Konzert von Rosie Dasch

Das Thema der Ermordung von Juden im Dritten Reich ist immer schrecklich. Aber noch viel schrecklicher ist es, Berichte aus einem Ghetto zu hören, Lieder zu hören, die diese Menschen in ihrem Elend, den sicheren Tod vor Augen, noch komponiert und gesungen und gespielt haben. Zu erfahren, wie diese Menschen zusammengetrieben wurden, weggesperrt, wie ihnen nicht erlaubt wurde, nach einem harten Arbeitstag außerhalb des Lagers Lebensmittel hineinzuschmuggeln, wie sie Tag für Tag erlebten, wie Nachbarn, Freunde, Verwandte abgeholt wurden und nie wiederkamen. 

Oder gar – ganz unvergesslich brennt sich das ein – zu hören, wie eine Frau und Mutter eindrücklich beschreibt, wie sie und ihre Töchter zur Erschießung geführt werden, die Töchter sterben und auch sie getroffen wird, aber irgendwann nachts im Massengrab in einem Blutbad aufwacht, verwundet, wie sie sich zu einem nahegelegenen Bauernhof schleppt - und wieder zurück ins Ghetto kommt, und es diesmal nicht überlebt.




Beklemmende Augenblicke waren dies. Unter dem Motto „Es iz geven a zumertog – es war an einem Sommertag“ zeichneten Roswitha Dasch und Ulrich Raue aus Wuppertal am Sonntag in der Lutherkirche in Lichtental die Geschichte des Wilnaer Ghettos im Spiegel seiner Lieder nach, und zwar exakt am 23. September, dem 75. Jahrestag der endgültigen „Räumung“ des Ghettos.


Enttäuschend wenig Zuhörer waren gekommen, aber sie erlebten einen ganz besonderen Abend, den sie so schnell nicht vergessen werden. Mit den nüchternen Texten und einem unter die Haut gehenden 13teiligen Liederzyklus ließen Dasch und Raue jene Zeit wieder auferstehen und gaben auf eindringliche Weise tausenden Ermordeten eine Stimme.


Auf Initiative von Gisela Erbslöh, die auch die einführenden Worte sprach, war es im Rahmen der interkulturellen Wochen Baden-Baden gelungen, die beiden Musiker nach Baden-Baden zu holen. Ihr Konzert war auf Einladung von Pfarrer Thomas Weiß von der evangelischen Luthergemeinde in Kooperation mit der Evangelischen Erwachsenenbildung und in Verbindung mit der Aktion „Baden-Baden schreibt und liest ein Buch“ zustande gekommen. 


 

Rosie Dasch hat sich seit Beginn der 1990er Jahre der Geschichte des Wilnaer Ghettos verschrieben, eine Lebensaufgabe, wie sie sagt. Sie hat Überlebende in Litauen aufgesucht, ihre Geschichten zusammengetragen, sich die Lieder vorsingen lassen, alles dokumentiert, eine Ausstellung aufgebaut, einen Film gedreht und ein Hilfswerk gegründet, das Spenden sammelt, um ehemalige Ghetto- und KZ-Häftlinge zu unterstützen, deren Not in Litauen auch heute noch groß ist.

Allein schon, um hierfür Spenden zu sammeln, hätte man sich für diese Veranstaltung einen größeren Rahmen und breitere öffentliche Aufmerksamkeit gewünscht.  

Und hier der Link zu Roswitha Daschs Webseite, und zwar direkt zu ihrem gemeinnützigen Verein mit Spendennummer => KLICK
 



Hier der Link zum Wikipedia-Eintrag über das Ghetto in Wilna =>

Laut Wikipedia war das Ghetto Vilnius, damals Ghetto Wilna, ein nationalsozialistisches Ghetto in der Altstadt der litauischen Hauptstadt Vilnius (deutsch Wilna), in das die deutschen Besatzer die jüdische Bevölkerung sperrten. Das Ghetto bestand aus zwei Teilen, dem Großen und dem Kleinen Ghetto, die voneinander durch eine Straße getrennt waren. 1931 betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Vilnius, das als das Jerusalem des Ostens galt, 28 Prozent bzw. 55.000 Personen. Die meisten von ihnen wurden ermordet, zum großen Teil im nahe Vilnius gelegenen Ponar, heute ein Vorort der Stadt.